Albert Einstein: Der Mensch hinter dem Genie
Auch mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod inspiriert Albert Einstein die Menschen noch immer. Nicht nur mit seinen Ideen über Raum, Zeit und das Universum, sondern auch als Mensch, der sich Gedanken über Frieden, Verantwortung und die Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts machte.
Auch die Bildhauerin Bernie Gogelein-Autsema (86) aus Laren (NL) ist von ihm fasziniert. In ihrem Bronzeporträt von Einsteins Kopf suchte sie nicht nach dem weltberühmten Genie, sondern gerade nach dem Menschen hinter Einstein: mit seinem Humor, seiner Bescheidenheit, seiner Traurigkeit und seinen Zweifeln.
Traurigkeit, Humor und Resignation
Als Gogelein-Autsema um das Jahr 2020 herum mit ihrem Porträt von Einstein begann, wollte sie kein heroisches Bild schaffen. Sie sah sich Fotos von ihm an und sah etwas anderes. „Ich sah einen bescheidenen Intellektuellen, jemanden mit Humor, der aber auch eine gewisse Traurigkeit darüber verspürte, wie sein Leben verlaufen war.“ Sie versuchte, diese Emotionen in Ton einzufangen: Trauer, Humor und Resignation.
Dabei dachte sie auch an das komplexe Verhältnis zwischen Wissenschaft und Verantwortung, mit dem Einstein in seinem Leben konfrontiert war. Im Jahr 1939 warnte er den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt vor der Möglichkeit, dass Deutschland eine Atombombe entwickeln könnte. Seine Warnung veranlasste die US-Regierung dazu, die Kernspaltung weiter zu erforschen. Einige Jahre später führte dies zur Entwicklung der ersten Atombomben. Einstein selbst hat daran nicht mitgearbeitet. Später setzte er sich für den Frieden ein und warnte vor den Gefahren von Atomwaffen.
Für Gogelein-Autsema gehört auch diese Geschichte zu seinem Porträt. Nicht nur Genie, sondern Mensch, der über die Folgen des wissenschaftlichen Fortschritts nachdachte.
Mit den Händen denken und fühlen
Das Porträt entstand zu Hause, während Gogelein-Autsema auf den Garten blickte. Sie hatte bereits viel gezeichnet und gemalt, entdeckte aber erst später in ihrem Leben, wie gut ihr die dreidimensionale Arbeit lag. „Ich habe ein Stück Ton in der Hand und fange an zu arbeiten. Dann werde ich schon sehen, was daraus wird.“

Sie besuchte die Kunstakademie, konzentrierte sich aber jahrelang mehr auf ihre Familie als auf ihre künstlerische Arbeit. In den letzten zwanzig Jahren nahm die Kunst wieder einen immer größeren Platz in ihrem Leben ein. Schließlich fing sie an, mit Ton zu modellieren. „Hätte ich das doch nur früher getan.“
Gerade das Räumliche spricht sie an. Ein Porträt entsteht für sie nicht nur durch das Betrachten, sondern auch durch das Fühlen: die Proportionen eines Gesichts, die Form und die Art und Weise, wie Licht und Schatten über die Oberfläche wandern. Sie sieht darin eine Parallele zur Wissenschaft. Forschende starten mit einer Hypothese und müssen dann herausfinden, ob sie stimmt. Bei ihr fängt alles mit Ton und einer Idee an. Die Form entsteht dann während des Arbeitsvorgangs.
Einstein zurück in Potsdam und Leiden
Gogelein-Autsema modellierte Einsteins Kopf zunächst aus Ton. Von dem fertigen Porträt ließ sie anschließend drei Exemplare in Bronze gießen. Für einen davon hatte sie schon den perfekten Platz vor Augen: den nach ihm benannten Einsteinturm in Potsdam.
Der Einsteinturm, der vom Architekten Erich Mendelsohn entworfen und Anfang der 1920er-Jahre erbaut wurde, ist ein Sonnenobservatorium. Anhand von Messungen des Sonnenlichts wollten Wissenschaftler Vorhersagen untersuchen, die mit Einsteins Relativitätstheorie zusammenhingen. Einstein selbst verbrachte früher Zeit im Observatorium und unterstützte die Forschung.
Gerade wegen dieser Geschichte wollte Gogelein-Autsema ihr Bronzeporträt dort aufstellen. Das Bronzeporträt wurde in Potsdam feierlich in Empfang genommen und steht nun in einem Raum, der im Rahmen von Führungen besichtigt werden kann. „Ich wollte ihn sozusagen wieder an seinen Platz zurückbringen.“
Auch die Stadt Leiden spielt in ihrer Geschichte eine Rolle. Einstein unterhielt seit Langem wissenschaftliche Beziehungen zur Universität Leiden und hielt sich regelmäßig in der Stadt auf. Gogelein-Autsema wohnte selbst jahrelang gegenüber der Sternwarte von Leiden. Das zweite Exemplar ihres Einsteins schenkte sie der Alten Sternwarte in Leiden.
Wo bleibt der Mensch?
Gogelein-Autsema ist fasziniert von Einsteins Ideen über den Kosmos und seinen Verweisen auf Spinoza. Die Vorstellung, dass der Mensch Teil eines viel größeren Ganzen ist, spricht sie an.
Auch ein Text, der im Internet als Brief Einsteins an seine Tochter Lieserl bekannt wurde und in dem die Liebe als universelle Kraft beschrieben wird, hinterließ bei ihr einen tiefen Eindruck. Es gibt keine historischen Belege dafür, dass Einstein diesen Text tatsächlich verfasst hat. Für Gogelein-Autsema geht es vor allem um den Gedanken dahinter: Wissenschaft und Fortschritt dürfen nicht von der Menschlichkeit losgelöst werden. „Wir werden von der Wissenschaft überschwemmt, aber wo ist der Mensch geblieben?“
Diese Frage hält sie auch im Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen wie der Künstlichen Intelligenz für relevant. Sie ist nicht gegen neue Technologien. „Es ist ein Hilfsmittel. Man muss damit wachsen, aber man muss es auch beherrschen.“
Einstein blickt in die Zukunft
Für Gogelein-Autsema sind Potsdam und Leiden Orte, an denen Einsteins Geschichte weiterhin greifbar ist. Das Einstein Teleskop hingegen blickt in die Zukunft. Das künftige Observatorium für Gravitationswellen baut auf Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie auf und soll Forschenden neue Möglichkeiten zur Erforschung des Universums eröffnen.
Diese Idee spricht sie besonders an. Ihrer Meinung nach muss Einstein nicht nur eine historische Persönlichkeit sein. Seine Ideen leben in der modernen Wissenschaft weiter. „Er darf an seiner eigenen Zukunft teilhaben“, sagt sie. Mit einem Lächeln sieht sie ihn sogar als eine Art „Supervisor des Ganzen“.
Ein Bronzeporträt von Einstein wartet noch darauf, aufgestellt zu werden. Vielleicht kann gerade dieses Porträt eines Tages die Verbindung zwischen Einsteins Vergangenheit und der Wissenschaft von morgen herstellen. Nicht als Denkmal für ein unantastbares Genie, sondern als Erinnerung an den Menschen hinter der Wissenschaft und an die Verantwortung, die mit Wissen einhergeht.




