„Bereits hundert Unternehmen beteiligen sich am Einstein Teleskop“
Noch bevor das Einstein-Teleskop gebaut wird, arbeiten bereits hundert Unternehmen an Technologien, die für die künftige Forschungseinrichtung benötigt werden. Von Präzisionstechnik und hochmodernen Werkstoffen bis hin zu Kryotechnologie und Datenlösungen: Die Wirtschaft spielt bei den Vorbereitungen eine Schlüsselrolle. Wie außergewöhnlich ist dieses Engagement und welche Chancen bietet es für Unternehmer? Maxime Corvilain, Vorsitzender der internationalen Expertengruppe für Valorisierung und Innovation des Einstein-Teleskops EMR, teilt seine Vision.

Wo stehen wir?
„Um gleich zur Sache zu kommen. Bereits hundert Unternehmen arbeiten am Einstein Teleskop. Hundert! Darauf sind wir unglaublich stolz. Und diese Unternehmen sollten auch stolz auf sich sein. Für Unternehmen ist es nicht einfach, sich für etwas zu engagieren, bei dem noch ungewiss ist, ob es in dieser Euregio überhaupt umgesetzt wird, das zudem äußerst komplex ist und erst langfristig Vorteile für das eigene Unternehmen bringt. Alles in allem ist damit schon jetzt eine Meisterleistung vollbracht worden. Und nicht zu vergessen: Wir haben mittlerweile eine Liste mit 400 Unternehmen, die an einer Teilnahme interessiert sind. Diese melden sich direkt bei uns oder sprechen uns auf Messen wie der Hannover Messe an.“
Genug Arbeit also für die Business Developer?
„Ich sehe jeden Tag, wie hart die Organisationen arbeiten, die dafür in der Verantwortung stehen. Zum Glück mit Erfolg. Ich selbst komme von der POM Limburg (belgisches Limburg, Anm. d. Red.), aber auch bei LIOF in den Niederlanden, Wallonie Entreprendre in Wallonien, FWO in Flandern sowie bei AGIT und NMWP in Nordrhein-Westfalen ist ‚Einstein‘ mittlerweile in vollem Gange. Wichtiger als die einzelnen Ergebnisse jedes Partners sind die gemeinsamen Ergebnisse. Wir müssen es gemeinsam angehen und dieses Umdenken ist gelungen.“
„Wir müssen auf unsere eigenen Regionen schauen, aber wir brauchen auch Europa“
Maxime Corvilain
Zusammenarbeit ist ein weit gefasster Begriff…
„Das ist richtig. Es geht um Zusammenarbeit ohne Grenzen. Es ist verständlich, dass einige Züge verspätet abgefahren sind, aber inzwischen sind alle wieder auf dem gleichen Gleis. Dabei ist es eine große Hilfe, dass es beispielsweise Interreg-Projekte gibt, die als Motor für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit dienen. Beispiele dafür sind ETpathfinder Smart Skills Lab, ETCETERA oder Comet. Unternehmen, die noch auf der Suche nach Fördermitteln für grenzüberschreitende Forschung und Entwicklung sind, sollten sich auch einmal bei Interreg STIPP umsehen. Da gibt es noch Möglichkeiten für Innovationsförderung.“
Wie können wir uns das zeitlich vorstellen?
„Wir müssen schrittweise vorgehen. Unser Fokus liegt derzeit vor allem darauf, wie wir innovativen Unternehmen dabei helfen können, die wissenschaftliche Idee hinter dem Einstein Teleskop bereits in der Vorbereitungsphase zu verwirklichen. Diese Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist nicht immer selbstverständlich, aber für ein Megaprojekt wie das Einstein Teleskop ist sie absolut notwendig. Ein Wissenschaftler kann im Labor zwar eine fantastische Demonstration vorführen, damit hat man jedoch noch nicht die tausend Exemplare mit genau derselben Präzision, die später benötigt werden. Dafür braucht man das Wissen, die Kompetenz und den Unternehmergeist innovativer Unternehmen – großer und kleiner Unternehmen. Große Unternehmen aufgrund ihres langjährigen, bewährten Fachwissens und ihrer Kapazitäten sowie kleine Start-ups, Scale-ups und KMU aufgrund ihrer Flexibilität und Wendigkeit. Ohne das Fachwissen dieser Unternehmen wird man das Einstein Teleskop später überhaupt nicht bauen können.“


Das sind also die hundert Unternehmen, die bereits jetzt daran arbeiten?
„Das ist richtig. Und das Tolle daran ist, dass diese Unternehmen bereits jetzt von ihrer Arbeit für das Einstein Teleskop profitieren. Das ist so etwas wie ein Qualitätssiegel geworden: Wer an dem Teleskop mitarbeitet, muss schon etwas draufhaben! Das sorgt für eine positive Markenbekanntheit. Es ist kein Zufall, dass Aperam im belgischen Limburg und JPE im niederländischen Limburg im vergangenen Jahr in ihrer jeweiligen Provinz zum innovativsten Unternehmen des Jahres gekürt wurden. Und man findet leichter Personal. Letztes Jahr erzählte die Geschäftsführerin eines Ingenieurbüros, dass sich Bewerber:innen für ihr Unternehmen entschieden hätten, weil es sich für das Einstein Teleskop engagiert. Das erfüllt einen doch mit einem gewissen Stolz.“
Gibt es genug solcher Unternehmen in der Euregio Maas-Rhein oder – im weiteren Sinne – in Belgien, den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen?
„Ja und nein. Ja, denn wir haben viele gute Unternehmen. Einer unserer Trümpfe ist, dass wir bereits über ein Ökosystem aus Universitäten, Wissenseinrichtungen und innovativen Unternehmen im Hightech-Dreieck Leuven, Aachen und Eindhoven verfügen. Das verschafft uns einen Vorsprung. Aber bald wird noch mehr nötig sein. Deshalb müssen wir auch eine Brücke nach Europa schlagen, um dort die Innovationskraft der Unternehmen anzuregen. Wir benötigen die Größenordnung Europas, um das Einstein Teleskop bei uns unterirdisch zu errichten. Und noch etwas: Ich bin fest davon überzeugt, dass das industrielle Engagement Europas beim Einstein Teleskop dazu beiträgt, die technologische Unabhängigkeit Europas gegenüber Großmächten wie China und den Vereinigten Staaten zu stärken.“
Jede Woche wenden sich mindestens zehn Unternehmen aus der Euregio Maas-Rhein oder darüber hinaus per E-Mail an das Projektbüro Einstein Teleskop EMR mit der Frage, ob und wann sie etwas beitragen können. Was ist Ihr Rat?
„Bitte verfolgen Sie unsere Aktivitäten weiterhin regelmäßig und aufmerksam. Dann wissen Sie, ob und wann sich für Ihr Unternehmen Chancen ergeben. Wenn das derzeit noch nicht der Fall ist, wird es vielleicht noch kommen. Wie bereits erwähnt, liegt der Schwerpunkt nun auf innovativen, wissensorientierten Unternehmen, die das herstellen können, was die Wissenschaftler:innen benötigen. Bald wird es auch eine andere Phase geben, in der viel gebaut werden muss. Und später wird auch eine Wartung erforderlich sein. Es muss für ausreichende Sicherheit gesorgt werden. Und es wird auch eine Phase geben, in der ein lokales Unternehmen vielleicht die Chance sieht, ein Restaurant zu eröffnen, nachdem das vorherige Restaurant vor fünf Jahren seine Türen geschlossen hatte, weil im Dorf neue Wirtschaftstätigkeit entsteht. Auch das ist wieder eine Phase.“
Die Botschaft lautet also: Haben Sie Geduld?
„Das sollte man begeisterten Unternehmer:innen nicht so sagen. Vielleicht besser ausgedrückt: Bleiben Sie am Ball und stecken Sie Ihre Energie in das Einstein Teleskop, sobald die Zeit für Ihr Unternehmen reif ist. Und diese Chancen werden sich bieten, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“


